• erstellt 27.09.2016
  • aktualisiert 20.09.2017

Taizé für Anfänger

FreundschaftsikoneTaizé-Gebet in der Auferstehungskirche

Zweimal im Jahr bietet die ACK Siegburg ein Taizé-Gebet an. Viele Menschen kennen das und kommen gerne. Aber nicht alle sind damit vertraut. Daher lohnt es sich vielleicht, diese Form des Gebetes noch einmal vorzustellen.

Was geht denn da vor sich?
Wer zum ersten Mal an einem Taizégebet teilnimmt, wird sich vielleicht wundern: Das ist, ja klar doch, ein Gottesdienst mit Kreuz und Kerzen (vielen Kerzen!), mit Lesung und Psalm, Fürbitte und Vaterunser, aber da steht kein Pfarrer oder keine Pfarrerin vorne und sagt an, was zu tun ist. Da gibt es keine Predigt, keine Abendmahl- oder Eucharistiefeier, da braust die Orgel nicht und überhaupt ist alles viel stiller. Innerlich stiller, aber natürlich nicht lautlos, auch wenn es eine bewusste Schweigephase gibt. Es ist eben ein gemeinsames Beten – und das wird gesungen. Von allen. Einfache Lieder, oft wiederholt, mit ganz kurzen Texten. Einige Lieder stehen auch im evangelischen und katholischen Gesangbuch, und die anderen lernt jede/r beim Mitsingen.
Die Reihenfolge wird durch ein Liedblatt angegeben. Man muss nicht schön singen können, sondern nur einfach mitmachen. Die klare Melodie, die Wiederholungen, der Blick auf Kerzen und ein paar Bilder, das Zusammensein mit andern, die auch singen – daraus wird ein gemeinsames Gebet im Blick auf das Taizé-Kreuz.

Woher kommt diese Gebetsform?
Vielen Menschen kennen Taizé, ein winziges Nest in Burgund, wo sich im 2. Weltkrieg der evangelische Schweizer Theologe Roger Schutz niedergelassen und eine ökumenische Bruderschaft gegründet hat, die sich teilweise  an die Tradition des Heiligen Franziskus anlehnt. Entsetzt über den Krieg, ist sein Lebensziel „Versöhnung, Aussöhnung“ (Réconciliation) geworden – und zwar:

Zwischen den Nationen, daher richtet sich das Angebot von Taizé besonders an Jugendliche aus aller Welt, und die Lieder sind in sehr viele Sprachen übersetzt. Die Erfahrung der internationalen Gemeinschaft im Gebet und im Alltag ist zentral.

Zwischen den Konfessionen: Frère Roger war als evangelischer Christ Gast beim 2.Vatikanischen Konzil und Freund dreier Päpste; zu den Brüdern gehörten ebenso katholische wie evangelische Christen; außerdem wurden orthodoxe Traditionen aufgenommen, z.B. in der Ausstattung mit Ikonen.

Die sog. „Freundschaftsikone“, auf der Jesus selbst den Abt Menas umarmt, kann als bester Ausdruck dieser Versöhnung dienen, denn sie zielt auf das Angebot einer von Jesus ausgehenden Versöhnung jedes einzelnen Menschen mit Gott.

Wer nach Taizé fährt, erlebt eine Woche (genau eine Woche!), in der sich die Osterwoche abbildet – von der Ankunft am Palmsonntag über den Karfreitag mit einer besonderen Verehrung der Kreuzes bis hin zur Osternacht am späten Samstag, der „Nacht der Lichter“.

Die Tage ahmen sozusagen den Alltag in einem Kloster nach; sie sind gefüllt durch Arbeit an biblischen Texten, geleitet durch einige Brüder, durch stille Zeiten und durch die nötige Hausarbeit – alles in Gemeinschaft mit den anderen Gästen.

Gegliedert werden die Tage durch je drei Gebete in der „Kirche der Versöhnung“ zusammen mit den Brüdern, und diese Form der Gebete sind die Hauptsache. Welcher „normale Laie“ geht sonst dreimal täglich für insgesamt mindestens drei, vier Stunden in die Kirche? Aber die Kirche ist immer voll, und auch zwischen den Gebeten sitzen immer Menschen, vor allem Jugendliche, schweigend in dem großen Raum. Oder bleiben noch lange nach dem Abendgottesdienst, singend.


Sind solche Gebete denn etwas für uns heute? Und auch für Leute, die nicht mehr jugendlich sind? Und zumal für Evangelische?
Aber ja! Das klösterliche Grundmuster in Taizé selbst sollte keinen Evangelischen  verwirren – die Erfahrung der Christen aus Altertum und Mittelalter gehören zur Geschichte aller Konfessionen; es kommt darauf an, wie man damit heute lebt. Ein mehr meditativer Zugang kann für alle Christen gut sein. Und was das Alter angeht: Frère Roger wollte Jugendliche ansprechen, weil sie die Zukunft in den Nationen sind; aber bedürfen ältere Menschen weniger der Versöhnung? Und was das Sitzen auf Boden, Bänkchen oder Kissen angeht – wenn die Knie knorriger werden, geht es auf Stühlen genau so gut.

Taizé-Gebete bieten das, was jeder Gottesdienst auch will: mit Gott in Berührung zu kommen und in guter menschlicher Gemeinschaft zu sein. Im gemeinsamen Singen und Schweigen, auch im Betrachten der Lichter und Ikonen, je nachdem, in welchem Bereich ein Mensch empfänglich ist.

Wer mehr über Taizé erfahren möchte, kann sich auf der Website www.taize.fr informieren.